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Die Goldaugen
Es war einmal eine Hundefamilie, in der um die Weihnachtszeit ein schwarzer Welpe mit weißen Ohren und weißem Schwänzchen geboren wurde. Seine Mutter war sehr erstaunt und auch erschrocken, denn alle ihre anderen Kinder waren schwarz mit braunen Pfoten. Sie hielt es für ein schlechtes Omen und, siehe da, als die Jungen ein paar Wochen alt waren, kam ein Mensch und trug Weißohr fort.
Er steckte ihn in eine Plastiktüte und stapfte mit ihm durch den Schnee, hinaus aus dem Dorf und zu einem See. Dort warf er die Tüte ins Wasser an einem Loch, das jemand für die Fische gemacht hatte. Dann drehte er sich mit einem Schulterzucken um und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Haus. Eine schwarze Krähe mit goldenen Augen flog über seinen Kopf hinweg und stieß einen lauten Schrei aus.
In dem See strampelte Weißohr in der Tüte und wurde immer schwächer. Da kam ein riesengroßer Karpfen, schüttelte die Tüte bis Weißohr herausrutschte. Er schob sein starkes Maul unter den kleinen Hund und brachte ihn zu dem Luftloch, durch das er ihn mit einem kräftigen Schubs an Land warf. Erschöpft lag Weißohr da und sah auf einmal den Karpfen, der ihn anschaute. Nur ganz kurz sah er goldene Augen aufblitzen, dann war sein Helfer verschwunden. Er wäre am liebsten einfach eingeschlafen aber da erschien eine Krähe, die ihn sanft an seinem Schwänzchen zog. Sie forderte ihn auf, mit ihr zu gehen und er folgte ihr.
Bald kamen sie an einen Fuchsbau. Die Krähe hackte dreimal auf den gefrorenen Boden, als ob sie anklopfte. Gleich darauf schaute ein schläfriger Fuchs heraus, der wegen der Störung vor sich hin brummte. Als er den kleinen, müden Weißohr sah, wurden seine goldenen Augen groß vor Verwunderung, denn was der Goldaugen-Karpfen und die Krähe gesehen hatten, entdeckte auch er sofort. Dieser kleine Hund war nicht nur mit weißen Ohren und weißem Schwänzchen geboren, sondern hatte auch goldene Augen. Es gibt heutzutage nur ganz wenige Tiere mit goldenen Augen aber egal, welcher Art sie sind, sie erkennen sich sofort und wie durch Zauberhand können sie einander verstehen. Einen Goldaugen-Hund allerdings hatte keiner von ihnen jemals gesehen.
Der Fuchs nahm Weißohr mit in seinen Bau, wo es kuschelig warm war und bedeutete ihm, sich erst mal auszuruhen. Im Glanz der goldenen Augen verlor Weißohr all seine Angst und Traurigkeit und schlief getröstet ein, zugedeckt von dem buschigen Schwanz des Fuchses. Am nächsten Tag machten sie sich gemeinsam auf den Weg, denn der Fuchs hatte lange nachgedacht und tief in seiner Seele war eine Erinnerung aufgetaucht an eine Geschichte, die ihm vor langer Zeit ein Goldaugen-Reh erzählt hatte:
„Vor unzähligen Jahren hat es auf der Welt fast nur Goldaugen gegeben, sogar unter den Menschen. An diese Zeit erinnert sich fast niemand mehr. Damals war überall Frieden, unter den Menschen und unter den Tieren. Dann sind es immer weniger geworden und die Zwietracht wurde größer und größer. Wenn dir jemals ein kleiner Hund mit goldenen Augen begegnet, so bringe ihn zu Frau Hera, die weit dort drüben hinter Bergen und Wäldern in einem Tal wohnt. Die Goldaugen werden dir den Weg zeigen und je näher du zu ihrem Haus kommst, um so öfter werden sie dir begegnen.
Und auf dem langen Weg war alles genau wie das Reh es beschrieben hatte. Als sie endlich zu dem weit entfernten Tal kamen, sahen sie fast nur noch Goldaugen: Vögel, Mäuse, Rehe, Schlangen und sogar Wildschweine. Es war ein vollkommen friedliches Tal, an dessen Seite ein kleines Haus mit goldenen Fenstern stand. Der Schnee rundum war geschmolzen und goldene Rosen blühten an der Hauswand. Als sie darauf zugingen, öffnete sich die Tür und Frau Hera kam heraus und begrüßte sie herzlich, als hätte sie sie längst erwartet.
Liebevoll hob sie Weißohr auf und schaute ihm tief in die Augen. Es war ein großes Verständnis zwischen ihnen. Frau Heras Augen waren zwar nicht golden aber als Weißohr genau hinsah, entdeckte er deutlich kleine goldene Lichter, die merklich stärker wurden, je länger er sie betrachtete. Die Mitteilung, die Frau Hera ihm machte, fiel sanft in sein Herz: „Du bist gerade noch rechtzeitig gekommen, denn das Gold in meinen Augen ist fast erloschen und nur du konntest es wieder zum Strahlen bringen und mir meine Kraft zurückgeben. Bleib bei mir bis du erwachsen bist, dann werden wir beide die Goldaugen in den Menschen wieder erwecken. Wir werden durch die Welt gehen und alle Menschen, denen wir in die Augen sehen, werden goldene Augen und damit das Große Verständnis erhalten und weitergeben an die, die bereit sind, es anzunehmen. Es wird viele Jahre dauern aber an jedem Weihnachtsfest werden es mehr sein und eines Tages wird der Frieden auf Erden nicht nur Wunschdenken sein.“
Und so ist es geschehen. Es gibt sie schon, die Goldaugen unter den Menschen. Und wenn Ihr einen Hund mit goldenen Augen seht, so hütet ihn gut, denn er trägt das Wunder des Friedens in sich. Glaubt fest daran, dass sie sich wieder verbreiten, denn dann erfüllen sich alle die guten Wünsche, die uns besonders an Weihnachten so sehr am Herzen liegen.
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